„König Ödipus"

in einer Neudichtung mit Musik von Bodo Wartke (www.bodowartke.de)
wurde im Juli 2017 von Soon im Kulturzentrum Rheinkamp präsentiert

Kann ein Theaterstück, das vor fast 2500 Jahren uraufgeführt wurde, heute noch das Publikum begeistern? Es kann!
Die Tragödie um König Ödipus, der von seinen Eltern ausgesetzt wurde, weil das Orakel prophezeit hatte, er würde seinen Vater ermorden und seine Mutter heiraten, ist von Bodo Wartke in eine moderne und witzige Sprache übertragen und vom Musiktheater Soon unter der Leitung von Silvia Westmeier, Oliver Trefzer und Tobias Salinga eindrucksvoll in Szene gesetzt worden.
Gleich zu Beginn der Aufführung wurden die Zuschauer von einem göttlichen Auftritt der Schülerin Emma Uebbing in den Bann gezogen, die als Sprecherin und Kommentatorin das Geschehen auf der Bühne einleitete, vorantrieb und bewertete. Emma spielte nicht nur überzeugend, sie sang auch herzzerreißend schön, so dass es nicht verwunderte, dass auch das Publikum mit einstimmte.
Ödipus (Simon Schmieler) kam als Sturzgeburt zur Welt, wie gut, dass seine Mutter „Iokaste – wat haste?" (Hannah Joe Huberty) zumindest darunter nicht leiden musste. Die Tötung des Kindes scheiterte daran, dass der „verwirrte Hirte irrte", doch der Chor beruhigte mit der Weisheit, „Am besten man bewahrt sich in der Krise den Humor!".
Indes zeigte sich das Orakel von Delphi (Nina Weidlich) zunehmend genervt von den dummen Fragen der Griechen und versuchte, durch Verschiebung der Öffnungszeiten und angeblich schlechten Empfang seiner Aufgabe zu entgehen. Vergeblich.
In Anlehnung an das brechtsche Theater wurde das Publikum nicht nur direkt angesprochen, es wurde zum Teil des Stücks. Als Thebaner bangten alle um die Rettung ihrer Stadt, die von der bösen Sphinx (Julia Cichy) belagert wurde, und priesen gemeinsam mit der Priesterin (Meret Schweers) den König.
Es kam, wie es kommen musste, die Prophezeiungen erfüllten sich, allen war längst klar, wohin die Reise geht, nur Ödipus nicht, der sich sogar mit Kreon (Sophie Kitschke) in einem Rap-Battle verkrachte, sich mit dem blinden Seher Teiresias (Miriam Wystub) anlegte und diesen am Ende sogar aus dem Palast warf: „Ja, genau, verpiss dich. Wenn's geht auch längerfristig!" In dieser Verblendung konnte ihm leider auch die sehr überzeugende Therapeutin (Sina Körner) nicht helfen, obgleich sie „wenig Freud" und ein ausgeprägtes „Über-Ich" diagnostizierte.

Vater ermordet, Mutter tot, Ödipus blind – kann man da noch von später Einsicht sprechen? Die zentralen Fragen, ob unser Lebensweg vom Schicksal vorherbestimmt sei, ob wir einer möglichen Vorherbestimmung ausweichen können oder unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen vermögen, sind mit Sicherheit noch nie so amüsant und temporeich verpackt worden.

Allen, die an diesem Stück mitgewirkt haben, sei herzlich gedankt für drei tolle Abende. Das Publikum freut sich schon auf's nächste Jahr, für das eine glitzernde und laute Show versprochen wurde.

MÜL/ © Fotos: Alina vom Bruch